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Trauer

Der untenstehende Text ist die Abschrift eines Vortrages, welcher von Goreg Berdhuna von 2015 in Frankfurt am Main gehalten wurde. Berdhuna studierte an der Universität Prag Kulturanthropologie. Er befasste sich nach einer Begegnung mit Nomis Arbogast 2011 zudem mit der Nienetwiler-Forschung.


Über die Trauer in der Nienetwiler Kultur, mit besonderer Betrachtung des Volkes der Skandaj

Es gibt in der Tat gute Gründe anzunehmen, dass alle Kulturen dieser Welt beim Tod eines von ihnen geliebten Menschen Trauer empfinden. Diese Annahme lässt sich jedoch bei genauer Betrachtung nicht aufrecht erhalten. Zahlreiche Kulturen in Asien, Afrika und Südamerika kennen das Konzept der Trauer wie es zum Beispiel in Europa existiert nicht. Dies nicht etwa, weil sie beim Loslassen einer Person oder eines geliebten Tieres oder gar eines Umstandes/Situation/Ambiente nicht Schmerz empfinden würden, sondern weil sich ihr Umgang mit der Tatsache eines Loslassens von unserem Verständnis unterscheidet.

Bei meinen Recherchen über die Trauer in den verschiedenen Kulturen habe ich mich auch mit der Kultur der Skandaj, also jenes Volkes aus der Nienetwiler Kultur befasst, und festgestellt, dass im Alaju, also der Sprache der Nienetwiler Kultur, kein Wort für Trauer existiert. Das einzige und in gewissem Masse an unsere Definition von Trauer anlehnende Wort ist su'ur, das man, wenn man ein Auge zudrücken würde, als «Gefühl das entsteht, wenn man etwas oder jemanden weggehen lassen muss».

Um jedoch den Unterschied zwischen «su’ur» und Trauer zu verstehen ist es notwendig einige ganz spezielle Unterschiede unserer Kultur, und damit meine ich uns Menschen in Zentraleuropa, und der Nienetwiler Kultur aufzuzeigen. Zuerst muss jedoch eine Präzisierung des begriffs Trauer vorgenommen werden.

Trauer ist in erster linie einmal Schmerz. Schmerz aus Empathie, also Mitfühlen mit einem z.B. sterbenden Menschen. Schmerz aber auch aus Verlust einer Zukunft in der dieser Mensch nicht Leben kann und wir ihn nicht um uns haben, nicht mit ihm interagieren können. Der Schmerz drückt sich einerseits psychisch aus, andererseits körperlich durch z.B. Apetitlosigkeit, Magenschmerzen, Weinkrämpfe usw.. Diese Trauer kann in manchen Fällen Jahre, ja Jahrzehnte dauern. Dies auch deshalb, weil wir geneigt sind an Gefühlen oder Erinnerungen festzuhalten. Und hierrin besteht der grosse Unterschied zum su'ur, welches lediglich den Schmerz beschreibt, welcher einem in dem Moment befällt in dem ein Mensch weggeht oder stirbt. Die vorher zu beobachtenden Symtome, seien sie psychischer oder körperlicher Natur, werden von den Skandaj nicht in Beziehung zu diesem Weggehen gesetzt, sondern werden als Begleiterscheinungen wahrgenommen welche vergleichbar mit Reisevorbereitungen sind, oder dem Pflegen einer kranken Person – unabhängig davon ob sie sterben wird oder nicht. In vielen Religionen dieser Welt wird an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt. Man kommt in den Himmel, nach Walhalla, ins Nirvana, wird wiedergeboren oder muss bis zu einer Wiedererweckung im Fegefeuer warten usw.. Rituale sollen nach dem Tod für eine gute Reise in jene andere Ebene sorgen. Gebete in der Kirche etwa, und Anderes. Das heisst die Trauer wird, oft aus religiösen Gründen, weiter ausgelebtt als der tatsächliche Schmerz eines Verlustes tatsächlich reicht. Insgesamt wird einerseits dem Übergang und Aufenthalt in eine andere Ebene, und andererseits der auf Grund gesellschaftlicher Gepflogenheiten oder des moralischen Konsens der nach aussen gezeigten Trauer viel Aufmerksamkeit und Handlungen gewidmet. Dies unterscheidet sich ganz grundlegend vom su'ur, welches sich tatsächlich nur auf den einen Moment des Schmerzes welcher beim Loslassen entsteht bezieht. Weshalb das so ist, soll im folgenden geklärt werden. Danach sind Sie gerne aufgefordert sich an der Diskussion zu beteiligen.

Als erstes muss festgestellt werden, dass die Skandaj, wie auch andere Stämme und Völker der Welt, kein Bewusstsein für Verlust haben.

Dies lässt sich auf den Umstand zurückführen, dass die Skandaj Nomaden sind. Sie haben keinen Besitz. Ihnen gehört nichts und sie sind mit den «Dingen» oder den Menschen lediglich durch eine momentane Interaktion oder einer «Sammlung» (alaju: gadho) verbunden. Da ihnen nichts gehört, haben sie auch weder Verlustängste noch Besitzansprüche. Skandaj leben, meist in kleiner gruppen bis maximal dreissig oder Vierzig Individuen. Sie haben jedoch nicht die Familienbande wie etwa wir üblicherweise, wobei hier angemerkt werden darf, dass sich das familienverständnis in den letzten drei generationen bereits radikal verändert hat. Ihr Begriff für das was wir Familie nennen würden ist gala und meint damit diejenigen Menschen mit denen man am Feuer (alaju: ala) sitzt. Und dieses Zusammensein ist immer von beschränkter Dauer. Das nomadische Leben ist gefährlich. Menschen und Dinge (alaju: gabe) werden weggerissen, gehen verloren, gehen weg. Gruppenmitglieder ziehen eine Weile oder für immer mit einer anderen Grupppe, oder sie werden zu Schuri-Skandaj, also zu Sesshaften. Dieses Wissen begleitet den Homo Nienetwilensis seit einer Million Jahren, und das Volk der Skandaj seit mindestens 120'000 Jahren. Im Gegensatz zum modernen Menschen der sich vor rund 10'000 Jahren sesshaft zu machen begann, blieb der Nienetwilensis bis heute weitgehend nomadisch und entsprechend sind Begriffe wie Besitz und Verlust für ihn ohne Bedeutung.

So sind nicht existierende Verlustgefühle sicher hauptursächlich für das Fehlen eines Wortes für Trauer und den Unterschied der Empfindung zwischen Trauer und «su’ur».

Uns, die wir nicht in dieser Kultur aufgewachsen sind, lässt die Weltvorstellung der Skandaj, nicht nur wegen des fehlenden Wortes für Trauer etwas ratlos und mit einem gewissen Unverständnis zurück. Dieser gänzlich von Religion, Trauer/Abschieds-Ritualisierung, Psychologisierung und Kommerzialisierung freie Blick auf einen Moment der uns so schrecklich erscheint ist für uns ungewohnt. Trauer ist in unserer Kultur konditioniert, und durchdringt in der Kunst ebenso wie in der Wirtschaft beinahe alle Segmente. Trauer ist Abendunterhaltung und Milliardenbusiness. Trauer ist das womit die Menschen, tritt sie tatsächlich ein, meist alleine dastehen. Es gibt Trauer-Codes, und Trauer Rituale, Trauerkleidung und Trauerkarten. Abertausende als "Dramen" oder gar "Tragödien" bezeichnete Filme und Serien werden von den Fernsehsendern angeboten. Eine Welt, ein Leben ohne Trauer ist für uns kaum vorstellbar.

Mir persönlich haben die Nachforschungen zu diesem Thema jedoch tatsächlich etwas anders auf Trauer blicken lassen, auf Verlust oder das Fehlen von etwas. Nicht dass ich keine Trauer mehr empfinden könnte, aber ich habe für mich zumindest die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es eine andere Sicht auf die Welt gibt und dass diese, dies meine persönliche Meinung, wesentlich mehr Trost und Inspiration bietet, als unsere Denkschulen und Religionen dies je tun könnten.


Protokoll der anschliessenden Diskussion

(Zuhörerin): «Es scheint mir doch recht kaltherzig und gefühlslos zu sein, dass diese Zigeuner kein Mitleid für die Sterbenden und Toten zeigen! Wenn Gott einen geliebten Menschen zu sich ruft ist dies sein Wille. Es ist an uns dafür dankbar zu sein, dass er ins Himmelreich eingehen darf.»

(GB): «Nun werte Dame, Sie scheinen das missverstanden zu haben. Erstens bedeutet su'ur keineswegs, dass keine Gefühle empfunden werden. Wie bei uns gibt es Menschen welche starke Empfindungen haben, und es gibt solche die wenig Empfindungen haben. Der Unterschied des su'ur besteht lediglich in der Zeit des Empfindens und dem Fehlen ritualisierter Trauer, oder moralischer Zwänge. Zweitens möchte ich doch bitten, Begriffe wie Zigeuner nicht in diesem Zusammenhang, und vor allem nicht mit diesem abwertenden Unterton zu verwenden. Der Entschluss der Skandaj sich nicht sesshaft machen zu wollen, bedeutet nicht, dass sie keine Kultur hätten oder gar der unseren unterlegen wären. Und zu der Bemerkung mit Gott; so ist dies natürlich, das müssen Sie verstehen, eine rein religiöse Betrachtung die aber garade in dieser Form dafür verantwortlich ist, dass Frauen in manchen Ländern noch immer den Rest ihres Lebens in Schwarzen Kleidern herumlaufen und z.B. nicht mehr heitraten dürfen. Dies nicht weil sie tatsächlich noch Trauer empfinden würden, sondern weil Gesellschaft und Kirche es so von Ihnen verlangt.

(Zuhörer): «Ich verstehe nicht ganz wieso sie dieses suur von dem Begriff unserer Trauer abgrenzen. Mir scheint beides, bis auf die ritualisierte Trauer, ähnlich zu sein.»

(GB): «Nun, in der Tat ist die Unterscheidung schwierig nachzuvollziehen und auch ich tat mich anfangs schwer damit. Wir dürfen keinesfalls den Fehler machen auszublenden, dass Skandaj ebensoviel Empathie empfinden können wie wir, und dass sie dies, je nach Individuum auch tun. Wenn Interaktion eingestellt wird, sei es mit einem Menschen, einem anderen Lebewesen, einem Ding oder, wie bei den Skandaj oft üblich, einem Ambiente, so kann dies immer schmerzhaft sein. Die Skandaj empfinden jedoch nicht ein Verlustgefühl, sondern das Wegsein eines Teiles von Ihnen und eine dadurch unvollständige Sammlung da die interaktion mit diesem teil nicht mehr möglich ist. Auch hier müssen wir bedenken, dass das bei vielen Nicht-Skandaj nicht anders ist, und der Verlust zum Beispiel eines Menschen wie der Verlust eines Teiles ihrer Selbst empfunden wird. Es ist in der Hauptsache das Fehlen eines Verlustesgefühles ist, dass, das nicht mehr haben dessen was man vorher besass, das den Unterschied macht, sowie die von ihnen angesprochene Fehlen jedweder ritualisierter Handlungen oder gesellschaftlicher Zwänge.»

(Zuhörerin): «Betrinken die sich denn auch, wenn zum Beispiel jemand stirbt?»

(GB): «Ha! Gute Frage! Das kann man natürlich nicht allgemein beantworten. Sie sind Schweizerin; trinken alle Schweizerinnen wenn sie traurig sind? Tatsächlich ist es nicht ausgeschlossen, und ich habe es auch persönlich miterlebt, dass Skandaj Trinken und dabei Rotz und Wasser heulen wie irischer Hafenarbeiter, wenn jemand stirbt. Allerdings ähnlich der Iren die durch ihre schrecklichen Erfahrungen in der mitte des 19. Jahrhunderts mit der grossen Hungersnot ein etwas anderes Verhältnis zu sterben und Tod haben als etwa wir hier in der Schweiz. Wir müssen auch bedenken, dass noch vor wenigen hundert Jahren der Umgang mit tod und Trauer in, z.B. der Schweiz, ein ganz und gar anderer war als heute. Trauer, und der Umgang damit, ist also gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Selbiges gilt, und zwar in allen Kulturen, mit dem Umgang von gefühlen überhaupt.»